Zum Inhalt springen

Der Bauer und die Moderne. Konstruktion und Kritik "volkstümlicher" Bildwelten und die populäre Massenkunst der Gründerzeit

Tagung des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Universität Siegen, 13. – 14.4.2018

Franz von Defregger (1835–1921) zählte um 1900 zu den erfolgreichsten und populärsten Künstlern seiner Zeit. Der damals gefeierte Star der „Münchner Schule“ der Historien- und Genremalerei wird allerdings in der heutigen Kunstgeschichtsschreibung kaum noch thematisiert und im Ausstellungsbetrieb weitestgehend übergangen. Auch wenn Defregger in Tirol noch als identitätsstiftend gelten darf, ist sein Werk international nur mehr wenig bekannt.

Einer vornehmlich an Formproblemen interessierten und auf die Innovationen der Avantgarde fokussierenden Historiografie der Moderne erschienen spätestens nach 1945 „Volkstümlichkeit“, Erzählfreude und Humor, die man bisher an Defregger und seinem Umkreis gepriesen hatte, als kunstferne Größen. Das qualitätvolle malerische Handwerk wurde abschätzig als „akademisch“ beurteilt, die bäuerlichen Themen als provinziell abgetan. Allerdings erweist sich die Pejorisierung der volkstümlichen Themen aus heutiger Sicht schon deshalb als paradox, weil andere Maler wie etwa Leibl, Trübner oder Liebermann, die man als „Wegbereiter der Moderne“ feiern konnte, sich intensiv mit bäuerlichen Sujets auseinandergesetzt haben, wenn auch in einer anderen Formensprache.

Fatale Nachwirkung zeitigte zudem die seit 1900 vollzogene Subsumierung der gründerzeitlichen Malerei in den Komplex der Heimatkunst, die zur Zeit des Wilhelminismus zunehmend unter den Einfluss deutschnationaler und völkisch-reaktionärer Kräfte geriet. Für die nationalsozialistischen Ideologen schließlich waren die Werke Defreggers und anderer kompatibel mit ihren eigenen künstlerischen Vorstellungen, passten doch die vielfach patriotischen und gefälligen Sujets der Historien-, Genre- und Landschaftsmalerei in das von der NS-Kunstpolitik propagierte Ideal einer neoakademischen Blut- und Boden-Romantik. Die Nachwirkung dieser Inbesitznahme, die sich noch in der Heimatfilmmotivik der 1950er Jahre zeigt, resultierte in einer bis heute fast durchgehenden Ablehnung der bürgerlich-konservativen Gründerzeitkunst in der akademischen Kunstgeschichte (während sich die Werke auf dem Kunstmarkt freilich größter Beliebtheit erfreuen).

Die Kanonisierungsprozesse des 20. Jahrhunderts haben zu lange den Blick darauf verstellt, wie stark gründerzeitliche Maler in überaus moderne Prozesse der Kommerzialisierung eingebunden waren. So arbeitete Defregger intensiv mit dem Kunstverlag Franz Hanfstaengl zusammen und vermarktete seine Werke nicht nur in Form von Lithographien, illustrierten Büchern oder Postkarten, sondern gab seine Motive auch für Gebrauchsgegenstände wie Tassen oder Zierteller frei. Für die heutige Kunstgeschichtsschreibung, die zunehmend an Phänomenen der Popularisierung interessiert ist und dabei die bürgerlich-idealistische Grenzziehung zwischen hoher und niederer Kunst hinter sich gelassen hat, wird die gründerzeitliche Malerei auch deshalb zu einem wichtigen Untersuchungsgegenstand, weil an ihr die Mechanismen der Bildvermarktung und des Bildkonsums auf breiter Grundlage kontextualisiert werden können.

Die Tagung hat das Ziel, am Beispiel Franz von Defreggers und anderer Maler der „Münchner Schule“ und darüber hinaus in neuer Weise auf die gründerzeitliche Malerei zu blicken. Sie verfolgt dabei die Absicht, Aspekte ihrer medialen Verbreitung und ihres kommerziellen Erfolgs scharf zu stellen. Es wird darum gehen, die ästhetischen, ideologischen und medialen Grenzen von Kategorien wie „Volkstümlichkeit“ in komplexer Weise zu denken und innerhalb einer sich etablierenden Massenkultur zu bestimmen.

Erbeten sind Vorschläge zu Referaten von maximal 30 Minuten Länge, die sich mit medien-, sozial- und rezeptionsgeschichtlichen Aspekten der populären Massenkunst der Gründerzeit befassen. Relevante Fragestellungen könnten hierbei sein:

- Wie lässt sich „Moderne“ jenseits des stil- und entwicklungsgeschichtlichen Kanons als Kategorie gründerzeitlicher Kultur bestimmen?

- Welche Rolle spielen Sozial- und Geschlechterstereotypen für die Malerei, wie wurden sie in der Kunst transportiert und wie sind sie im Kontext ihrer Zeit zu bewerten?

- Wie verhält sich die Kunstauffassung eines Malers wie Lovis Corinth gegenüber seinem akademischen Lehrer Defregger? Welche Bezugnahmen oder Absetzungen gibt es zwischen dem bäuerlichen Genre der Gründerzeit und der „Arme Leute“-Malerei des Naturalismus?

- Für welche Adressatenschaft war diese Kunst bestimmt? Welche medialen Wege der Vermittlung und Rezeption, insbesondere im Verlagswesen und der Reproduktionsindustrie bestanden?

- Welche Beziehung besteht zwischen der Popularisierung des Faches Kunstgeschichte und dem Gegenstandsfeld einer als „volkstümlich“ apostrophierten Kunst?

- Wie bestimmt sich das „Populäre“ in Relation zu Formen einer nationalistischen, reaktionären oder völkischen Kunstgeschichtsschreibung?